Gruppentherapie: Hilfe für den Umgang mit den Traumata

 

Schätzungsweise 7.000 Überlebende des Sinai-Menschenhandels leben heute in Israel. Die wenigsten von ihnen erhalten staatliche Hilfe. Unsere Partnerorganisation ASSAF, Aid Organization for Refugees and Asylum Seekers in Israel, bietet kostenlose Therapiestunden für Flüchtlinge an – für viele Sinai-Überlebende die einzige Möglichkeit, um über ihre grausamen Gewalterfahrungen zu sprechen und ihre Traumata zu verarbeiten.

Keine(r) der Sinai-Überlebenden wird in Israel offiziell als Opfer von Folter (VOT) anerkannt und nur etwas weniger als 300 wurden von der Regierung bisher als Opfer von Menschenhandel (VOHT) anerkannt, wodurch ihnen zumindest für ein Jahr Rehabilitationsmaßnahmen zustehen. Alle anderen erhalten keinerlei staatliche Unterstützung. ASSAF, eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Asylsuchende in Israel, ist eine von nur sehr wenigen Organisationen, die psychosoziale Hilfe für die Opfern von Folter und Menschenhandel leistet, die vom Staat nicht als solche anerkannt werden. ASSAF Aid Organization ist daher eine zentrale Anlaufstelle für Sinai-Überlebende in Israel, die während ihrer Geiselhaft im Sinai schwerste Gewalterfahrungen gemacht haben.

Manche sprechen zum ersten Mal über ihre Erlebnisse

Bei unserem Besuch in Israel sprachen wir mit der Sozialarbeiterin und Programmkoordinatorin Ashley De Regil von ASSAF Aid Organization. Sie betreut im Lauf eines Jahres etwa 70 Sinai-Überlebende in Einzelgesprächen und weitere 90 Personen in Gruppentherapien. Der Bedarf ist eigentlich noch viel größer, doch mehr Therapiestunden kann ASSAF derzeit leider nicht anbieten. In unserem Interview, das wir als Video aufgezeichnet haben, erklärt Ashley, was die Therapie für die Opfer von Folter und Menschenhandel bedeutet. Ashley und ihre KollegInnen von ASSAF erreichen mit ihren Angeboten derzeit insgesamt etwa 1.500 Flüchtlinge und MigrantInnen, von denen die meisten aus ostafrikanischen Ländern stammen. Fast jede/r Vierte wurde Opfer von schweren Misshandlungen auf der Sinai-Halbinsel. Jede einzelne ihrer Geschichten ist von unvorstellbarer Grausamkeit geprägt. Doch die Gespräche mit den TherapeutInnen und den Menschen, mit denen sie ihr Schicksal teilen, helfen den Betroffenen, die fürchterlichen Erlebnisse zu verarbeiten und neuen Lebensmut zu schöpfen.

Ein sicheres Umfeld, um sich zu öffnen

Die Therapiegruppen für Sinai-Überlebende setzen sich aus 10 bis 15 Teilnehmenden zusammen und sind nach Männern und Frauen unterteilt. Die Sitzungen finden einmal in der Woche über einen Zeitraum von 15 Wochen statt. Oft sind die Teilnehmenden anfangs skeptisch und fragen sich, warum sie ihre Probleme und Erfahrungen mit anderen teilen sollten, erklärt uns Therapeutin Ashley De Regil. Gerade Männern falle es in der Regel schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen und ihre Gefühle in der Gruppe zu äußern. Doch die meisten stellen nach den ersten Sitzungen fest, dass es ihnen hilft, ihre Geschichte mit anderen zu teilen. Sie merken dann, dass sie nicht alleine sind, sondern dass es andere gibt, die ähnliches durchgemacht haben. „Dieses Jahr sind die Männergruppen erstmals sogar besser besucht als die Frauengruppen“, berichtet Ashley. „Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass sich die Männer leichter tun, sich zu öffnen, wenn die Therapeutin eine Frau ist.“

Um die posttraumatischen Belastungsstörungen der Folteropfern zu behandeln, arbeiten die TherapeutInnen von ASSAF nach dem anerkannten „Resilience Model“, welches von dem israelischen Psychologen Dr. Hamiel entwickelt wurde. In der Therapie wird den Teilnehmenden vermittelt, wie sie mit ihren Gefühlen und Problemen umgehen können. Die Gespräche stellen eine Hilfe zur Selbsthilfe dar, bei der es um Themen wie Achtsamkeit und den Umgang mit Gefühlen wie Wut, Angst und Scham geht. Auch kunsttherapeutische Ansätze können zum Einsatz kommen, um den Teilnehmern über alternative Ausdrucksformen dabei zu helfen, sich zu öffnen.

Praktische Hilfen für den Alltag

Während der erste Teil einer Sitzung vor allem dazu dient, den Teilnehmern einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie sich einander anvertrauen können, bekommt die Gruppe im zweiten Teil der Sitzung meist noch einen externen Input, der sie auf möglichst konkrete Weise in ihrem Alltag unterstützen soll. Hierzu lädt ASSAF Aid Organization zum Beispiel MitarbeiterInnen von Partnerorganisationen wie Amnesty international, der Gesher (Mental Health) Clinic oder auch der UN ein, die die Teilnehmenden über Hilfsangebote informieren oder sie darüber aufklären, wo und unter welchen Bedingungen sie staatliche Hilfeleistungen in Anspruch nehmen können.

Wenn die Teilnehmenden nach den 15 Sitzungen weitere Hilfe benötigen, wissen sie, dass sie bei ASSAF Aid Organization auch weiterhin ein offenes Ohr finden. Sonntags und mittwochs zwischen 16 und 21 Uhr bietet ASSAF offene Sprechstunden an, zu denen auch ehemalige Teilnehmende der Gruppentherapie wiederkommen können. Ob eine Person beispielsweise aufgrund der Schwere ihrer Erlebnisse eine Einzelbetreuung benötigt, merken die PsychologInnen jedoch oft bereits während den Gruppengesprächen und bieten diese Option nach Möglichkeit dann auch an, versichert uns Ashley De Regil.

Zugang zu staatlichen Hilfsleistungen einfordern

Da der Hilfebedarf so groß ist, kümmert sich ASSAF Aid Organization ausschließlich um diejenigen, die vom Staat nicht als Opfer von Folter und Menschenhandel anerkannt werden. Da diese Gruppe jedoch die weitaus größere darstellt und der Bedarf der Sinai-Überlebenden die derzeitigen Kapazitäten von ASSAF bei weitem übersteigt, versuchen die MitarbeiterInnen – wo immer die Aussicht auf Erfolg besteht – eine solche offizielle Anerkennung durch den Staat zu erzielen. Aktuell durchlaufen etwa 20 Betroffene einen entsprechenden Anerkennungsprozess, der jedoch sehr lange dauern kann. Eine Person, die von Ashley De Regil betreut wird, wartet bereits seit über zwei Jahren auf eine solche Anerkennung.

Um die Bedingungen für die Folteropfer generell zu verbessern, berichtet ASSAF Aid Organization in Zusammenarbeit mit dem irct (International Rehabilitation Coucil for Torture Victims) in Form eines so genannten Schattenberichts regelmäßig an das UN-Komitee gegen Folter (UN-CAT) über die Situation von Folterüberlebenden in Israel. Mit diesem wichtigen Teil ihrer Arbeit versucht ASSAF, den Zugang zu staatlichen Hilfen mittel- bis langfristig zu ermöglichen bzw. zu erleichtern.

So möchten helfen?

Bis sich die Rechte der Folterüberlebenden langfristig verbessern, gilt es jetzt schon denen zu helfen, die unter den Folgen der grausamen Misshandlungen leiden. Wenn Sie mit einer Spende helfen wollen, die Gruppentherapie noch mehr Sinai-Überlebenden zu ermöglichen, schreiben Sie uns eine Mail an contact@desertrose.info!

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