Menschen- und Organhandel im Sinai

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Menschen- und Organhandel im Sinai – Eine humanitäre Katastrophe ohne Folgen

Was seit einigen Jahren zehntausenden Eritreern, Sudanesen und Äthiopiern auf der ägyptischen Halbinsel Sinai widerfährt, ist an Grausamkeit kaum zu übertreffen. Ein international agierendes Netzwerk von Menschenhändlern entführt Flüchtlinge und Migranten überwiegend aus dem äthiopisch-sudanesischen Grenzgebiet und verschleppt sie in so genannte „Folterlager“ im Nordsinai. Bis zu 30.000 Menschen sollen einem Bericht zufolge allein zwischen 2009 und 2013 in den Sinai verschleppt worden sein. Dort werden die Geiseln auf brutalste Weise gefoltert, um Lösegeldsummen von bis zu 60.000 USD von ihren Familien in den Herkunftsländern, aber auch in Europa und den USA zu erpressen. Wenn die Verwandten das Lösegeld nicht aufbringen können, droht den Geiseln der Tod durch Folter oder auch die Entnahme der Organe, die den Verbrecherbanden auf dem Schwarzmarkt Erlöse von 20.000 US Dollar und mehr einbringen. Immer wieder wurden in der Vergangenheit im Nordsinai Leichen mit aufgeschnittenen Körpern gefunden (CNN berichtete bereits 2011 über den Organhandel im Sinai). Häufig beginnen die skrupellosen Folterer während den Telefonaten mit der Folter ihrer Geiseln. Durch das Mithören der Schmerzensschreie soll der Druck auf die Familienangehörigen erhöht werden. Die Foltermethoden sind äußerst brutal und ihre Vielfalt erschreckend groß. Betroffene berichten davon, dass sie an den Füßen aneinander gekettet wurden. Häufig werden die Geiseln stundenlang an den Fußknöcheln oder Handgelenken aufgehängt und mit Eisenstangen oder Kabeln geschlagen. Viele der Opfer weisen Brandverletzungen auf, die von glühend heißem Plastik, Eisen oder Zigaretten herrühren. Zahlreiche Zeugen berichten auch von Folter durch Elektroschocks. Einige der Opfer haben in Folge von vielen Schlägen nur noch verstümmelte Gliedmaßen. Auch sexuelle Misshandlung wird sehr häufig als Foltermethode eingesetzt. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Betroffen sind nicht nur Männer und Frauen, sondern auch Kinder.

Dass es sich bei den Entführungen und Folterungen keineswegs um Einzelfälle handelt, bestätigen inzwischen zahlreiche Berichte und Studien von anerkannten Menschenrechtsorganisationen („I Wanted to Lie down and Die“/ Human Rights Watch, 2014), wissenschaftlichen Einrichtungen (The Human Trafficking Cycle: Sinai and Beyond/ Tilburg University/ EEPA, 2013) sowie internationalen Organisationen. Sie lassen keinen Zweifel an der Existenz eines von der ägyptischen Halbinsel aus agierenden internationalen Netzwerks von Menschenhändlern. Schätzungen gehen davon aus, dass seit 2009 über 600 Mio Dollar an diesen menschenverachtenden Geschäften verdient wurden. Auch zum jetzigen Zeitpunkt sollen sich tausende Geiseln in den Foltercamps im Sinai befinden. Dennoch hat die ägyptische Regierung bisher keine nennenswerten Maßnahmen ergriffen, um die Geiseln aus der Gewalt der Folterer und Schlepperbanden zu befreien.

Sinai – Nährboden für das organisierte Verbrechen

Seit jeher kommt dem Sinai eine in vielerlei Hinsicht bedeutende Rolle zu. Nach drei Kriegen um die Halbinsel (Suezkrise 1956, Sechstagekrieg 1967, Jom-Kippur-Krieg 1973) kam es 1978 zum Camp-David-Abkommen, das zur Friedenssicherung im Nahen Osten beitragen sollte. Der daraus resultierende und 1979 unterzeichnete Israelisch-Ägyptische Friedensvertrag hatte den vollständigen Abzug israelischer Truppen aus dem Sinai bis 1982 zur Folge. Die Halbinsel gilt seither als demilitarisierte Pufferzone zwischen den beiden Nachbarstaaten, aus der sich auch die Polizei mehr und mehr zurückzog. Die Einhaltung des Friedensvertrags bescherte Ägypten milliardenschwere Militärhilfe durch die US-Regierung, von der auch der Husni Mubarak profitierte, der 1981 ägyptischer Staatspräsident wurde. Unter Mubarak wurde der Sinai, der bereits unter israelischer Besatzung Touristen anzog, touristisch weiter erschlossen. Die Beduinen, die im Sinai seit dem siebten Jahrhundert ansässig waren und das Land für sich beanspruchten, wurden hierfür massenhaft enteignet, vertrieben und entrechtet. Die etwa 200.000 im Sinai lebenden Beduinen wurden vom Mubarak-Regime nie wirklich als Teil Ägyptens anerkannt und auch von der Tourismusindustrie weitestgehend ausgeschlossen. Während sich der Süden Sinais zu einem Paradies für Touristen aus Israel und Europa entwickelte, wurde der vernachlässigte Norden der Insel zunehmend ärmer. Das entstandene Sicherheitsvakuum, führte dazu, dass immer mehr Beduinen den Schmuggel als Einkommensquelle für sich entdeckten. Zunächst schmuggelten sie vor allem Waffen und andere Waren über unterirdische Tunnel nach Palästina, mit dessen Bewohner sich Teile der Beduinen verbunden fühlen. Auch deshalb gelten sie für die israelische und ägyptische Regierung gleichermaßen als Sicherheitsrisiko. Nach einem Anschlag auf einen Tourismuskomplex 2004 in der Küstenstadt Taba, ließ Mubarak 3.000 Menschen im Sinai verhaften und viele davon foltern, weil sie im Verdacht standen, „Islamisten“ zu sein. Der willkürliche Umgang mit den Beduinen führte zu deren Bruch mit der Polizei und hat bis heute Angriffe auf Polizeistationen zur Folge. Auch nach dem Sturz Mubaraks 2011 und der Machtübernahme von Mursi ging der bewaffnete Konflikt weiter. Die Gaspipeline, die Erdgas nach Israel leitet, wurde mehrfach Ziel von Anschlägen. Unter Mursi führte das ägyptische Militär daher immer wieder kleinere militärische Operationen im Sinai durch, die sich gegen vermeintlich radikalislamistische Extremisten richteten. Den Menschenhandel scheinen die Streitkräfte dagegen weitestgehend zu ignorieren, was sich auch seit dem Militärputsch 2013 nicht geändert hat. (Zur Situation im Sinai lesen Sie auch „Die offene Wunde Ägyptens: Wie weiter mit dem Sinai?“ oder „Das Pulverfass Sinai„)

Aus Schleusern werden Menschenhändler

Der Handel mit den überwiegend ostafrikanischen Flüchtlingen beginnt bereits weit vor deren Ankunft im Sinai. In der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und ihre Familien versuchten in den letzten zehn Jahren zehntausende Eritreer, Sudanesen und Äthiopier mithilfe von bezahlten Schleppern über das Mittelmeer oder via Ägypten und Israel nach Europa zu gelangen. Bis 2008 bevorzugten die Flüchtlinge und Migranten die Fluchtroute über Libyen und das Mittelmeer. Als Libyen und Italien jedoch 2008 ein Freundschaftsabkommen schlossen, um die Fluchtwege in die EU abzuschneiden, und 2011 ein Bürgerkrieg in Libyen ausbrach, wichen immer mehr Ostafrikaner auf den Fluchtweg via Ägypten nach Israel aus, der sie durch den Nordsinai führt. (Siehe hierzu „Expansion der Festung Europa und Flüchtlingsdrama in Ägypten“) Von Israel aus wollen sie in die Türkei oder nach Europa gelangen und versuchen in Israel selbst Asyl zu beantragen. Um nach Israel zu gelangen, bezahlen die Flüchtlinge und Migranten den Schleusern durchschnittlich etwa 3.000 US Dollar. Spätestens als sich die Sicherheitslage auf dem Sinai durch den Sturz Mubaraks schließlich rapide verschlechterte, entwickelten sich die Geiselnahmen zu einem florierenden Wirtschaftszweig für bestimmte Beduinen im nördlichen Teil der Halbinsel. Die Erpressungen und der Handel mit menschlichen Organen brachten ihnen weit höhere Einnahmen als das reine Durchschleusen der Afrikaner bis zur Grenze nach Israel. Das weitgehende Desinteresse der ägyptischen Regierungen, den Menschenhandel zu bekämpfen und die Mittäterschaft einzelner lokaler Beamter straffrechtlich zu verfolgen, wirkte zudem wie ein Katalysator für die Ausbreitung dieser menschenverachtenden Praktiken.
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Entstehung einer modernen Form von Sklavenhandel

Als die Schrecken der Foltercamps im Sinai bekannt wurden und Israel einen mittlerweile fertiggestellten 240 km langen Grenzzauns errichtete, begann die Zahl der Flüchtlinge, die nach Israel gelangen wollten, ab 2012 zu sinken. Also gingen die Menschenhändler dazu über, ihre Opfer aus Flüchtlingslagern aus dem Sudan und aus Äthiopien zu entführen. Berichten zufolge werden viele Entführungsopfer auch aus dem eritreisch-sudanesischen Grenzgebiet verschleppt. Meist handelt es sich bei diesen Menschenhändlern um Angehörige der arabisch-sprachigen Beduinen des Stammes Rashaida, die entlang der Küste des Roten Meeres, von Eritrea bis nach Ägypten, beheimatet sind (siehe hierzu: Refugees and the Rashaida: human smuggling and trafficking from Eritrea to Sudan and Egypt). Die Rashaida sind eine ethnische Gruppe, ein Nomadenvolk, das von arabisch sprechenden Beduinen abstammt. Aufgrund ihrer Geschichte besitzen sie häufig sowohl die eritreische als auch die sudanesische Staatsbürgerschaft, was ihnen ein grenzüberschreitendes Reisen zwischen den beiden Staaten ermöglicht und ihre Rolle als Schleuser und Kidnapper bedingt. (siehe hierzu: From the Horn of Africa to the Middle East, Laurie Lijnders/ Sara Robinson). Wie in Ägypten sollen auch die Entführungen im Sudan Augenzeugen zufolge erst durch die Untätigkeit oder in mehreren Fällen auch durch die Mittäterschaft von sudanesischen Soldaten oder Polizisten möglich gewesen sein. Das UN Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) gab Ende 2013 an, dass im Jahr 2012 über 300 Flüchtlinge allein aus den Flüchtlingslagern im Ostsudan und deren Umfeld entführt worden sind. Die Dunkelziffer liegt sehr wahrscheinlich höher (siehe hierzu Pressemeldung von UNHCR und IOM am 17.12.2013). In der Nähe der sudanesisch-ägyptischen Grenze werden die afrikanische Migranten von Mitgliedern der Rashaida an Angehörige der überwiegend ägyptischen Beduinen verkauft. Sind die Migranten und Flüchtlinge erst einmal in die Fänge der Menschenhändler geraten, beginnt eine monatelange Odyssee, in der die Geiseln etappenweise von einer kriminellen Bande zur nächsten weiterverkauft werden, bis sie letztendlich in einem der Foltercamps der bestimmter Beduinen im Sinai landen. Während der erste Geiselnehmer sich noch auf ein Lösegeld von wenigen hundert bis tausend Dollar beschränkt, verlangen die Folterer im Sinai mehrere Zehntausend Dollar. Auch im Sinai werden die Geiseln häufig mehrfach weiterverkauft, auch wenn ihre Angehörigen die Lösegelder bereits gezahlt haben, ehe sie freigelassen oder getötet werden. Diejenigen, deren Verwandte das Lösegeld nicht aufbringen konnten, werden entweder die Organe entnommen oder aber sie werden als Arbeitsklaven eingesetzt. Laut Human Rights Watch werden sie entweder im Haushalt, auf Hanfplantagen oder auf dem Bau eingesetzt. Frauen müssen häufig als Sexsklavinnen arbeiten (siehe hierzu Egypt: End Sinai Nightmare for Migrants, Human Rights Watch).

Raus aus der Hölle – und dann?

Wer es geschafft hat, einem der Foltercamps auf der Sinai-Halbinsel lebend zu entkommen, den erwartet in den allermeisten Fällen nicht etwa die lang ersehnte Freiheit. Viele der freigelassenen oder entflohenen Geiseln werden vom Grenzschutz erschossen oder von ägyptischen Behörden aufgegriffen, die die entflohenen Geiseln laut Human Rights Watch direkt wieder inhaftieren. In den Gefängnissen, zu denen Kairo den Vereinten Nationen anscheinend den Zugang verweigert (siehe hierzu Verschleppt und gefoltert, Annette Groth/ Sofian Naceur), warten sie dann schließlich darauf, dass ihre Angehörigen ihnen erneut Geld schicken, diesmal um damit das Flugticket zu bezahlen, das sie zurück in die Heimat oder im Falle der meisten eritreischen Flüchtlinge nach Äthiopien bringen soll. Dort werden die allermeisten dann wieder in einem Flüchtlingslager untergebracht, wo für viele die schreckliche Odyssee in den Sinai begonnen hatte. In den Flüchtlingslagern werden ihnen – ebenso wenig wie in den ägyptischen Gefängnissen – für gewöhnlich nicht die medizinischen oder sozialen Hilfen angeboten, die sie bräuchten, um das Erlebte zu verarbeiten.

Obwohl ägyptische Grenzposten teils durch gezielten Schusswaffeneinsatz versuchen, Migranten am Passieren der Grenze zu Israel zu hindern, gelangten laut israelischem Innenministerium 35.000 Flüchtlinge zwischen 2006 und 2012 über den Sinai nach Israel. Doch auch diejenigen, die es ins „Gelobte Land“ schaffen, erwartet nicht etwa das Land, in dem Milch und Honig fließen. Insgesamt sollen heute rund 60.000 Eritreer und Sudanesen in Israel leben. Die israelische Nichtregierungs-Organisation Physicians for Human Rights (PHR-I), die Flüchtlinge in Israel medizinisch betreut, schätzt dass sich unter diesen auch 7.000 Folteropfer aus dem Sinai befinden. Die Dunkelziffer soll jedoch bei über 10.000 liegen. Die Überlebenden der Folterlager können sich auch in Israel nicht in Sicherheit wähnen. Laut der israelischen NGO Hotline for Migrant Workers (HMW) werden die eritreischen Asylsuchenden zwar nicht abgeschoben, aber die Behörden weigern sich, ihre Asylanträge zu bearbeiten, um sie nicht als Flüchtlinge im Sinne der UN-Statuten anzuerkennen. Der daraus folgende ungeklärte Aufenthaltsstatus macht ein geregeltes Leben schwierig und soll andere Flüchtlinge abschrecken. Darüber hinaus werden Flüchtlinge unter sehr schlechten Bedingungen in einem Internierungslager in der Negev-Wüste, nahe der ägyptischen Grenze untergebracht, wo sie kaum Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Die erst 2013 fertig gestellte neue Gefängnisanlage „Holot“ bietet beispielweise Platz für mehrere Tausend Flüchtlinge. Gerade für traumatisierte Überlebende der Foltercamps, die dringend auf psychosoziale Hilfen angewiesen wären, sind die Zustände in den so genannten „Open Detention Centers“ unhaltbar und sorgen immer wieder für Demonstrationen. So geht das Leiden der Folteropfer aus dem Sinai auch in Israel weiter (zur Situation in Israel lesen Sie „Verkauft, gefoltert, entrechtet“ von Marina Klimchuk/ ASSAF).

Autor: Feven Michael