Willkommen im Club

 

Was klingt wie ein floskelhafter Titel, ist für die Kinder und Jugendlichen aus afrikanischen Migrantenfamilien im Stadtteil Süd-Tel Aviv von großer Bedeutung. Sie leben in einem Land, in dem sie bei der Bevölkerung größtenteils nicht willkommen sind, in einem Viertel, in dem Prostitution und Drogenkriminalität ein gefährliches Millieu bilden – gerade für Jugendliche ohne echte Perspektiven.

Genau hier, also mitten im Zentrum von Süd-Tel Aviv, hat unsere Partnerorganisation ASSAF einen so genannten „Youth Club“ (Jugendclub) eröffnet, ein Ort, an dem die Migrantenkinder tatsächlich willkommen sind und einfach nur sich selbst sein können. Bis vor kurzem hat ASSAF regelmäßig das Büro in einem Treffpunkt für die Jugendlichen umfunktioniert. Dank der Unterstützung von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, kann der Jugendclub nun in einem eigens dafür angemieteten Gebäude stattfinden. Der zweistöckige Aufenthaltsraum ist für die Jugendlichen ein „open space“, der nicht primär therapeutische Ziele verfolgt, auch wenn die Kinder bei den unterschiedlichen Aktivitäten immer wieder sehr persönliche Fragen und Anliegen an die Betreuer herantragen. Bei unserem Besuch im April 2016 haben wir mit Michal Schendar, der Koordinatorin des Jugendprogramms, gesprochen.

Enge Kooperation mit dem Jugendamt

Wenn die Jugendlichen mit schwerwiegenderen Problemen an die Betreuer herantreten, erklärt Schendar, dann haben sie die Möglichkeit, dieses mit dem zuständigen Sozialarbeiter des Jugendamts zu besprechen, um eine Lösung zu finden. Erst kürzlich nahm Schendar wieder an einem Treffen mit dem Advocacy-Mitarbeiter von ASSAF und dem „Case Manager“ des Sozialamts wegen eines 13-jährigen Jungen teil, der die Schule schwänzte und stattdessen auf der Straße herumstreunte, weil er Probleme hatte. Diese kamen im Jugendclub zur Sprache, den der Junge nach wie vor gerne aufsuchte.

Ein „Case Manager“ ist in der Regel für 70 bis 100 Familien zuständig und entsprechend auf die Zusammenarbeit mit Organisationen wie ASSAF angewiesen, die sich zum Teil mehrmals die Woche mit den Jugendlichen beschäftigen. Im Durchschnitt besuchen die Jugendlichen den Jugendclub drei bis vier Jahre und es kommen ständig neue dazu. Aktuell steht ASSAF allein über den Jugendclub in Kontakt zu etwa 60 Migranten-Familien. Bei etwa einem Drittel handelt es sich um alleinerziehende Mütter.

Zukunftsunsicherheit als ständiger Begleiter

Mittlerweile betreut ASSAF zwei Mädchengruppen (8–12 Jahre und 13–17 Jahre) und eine Jugengruppe (13–19 Jahre). In der Regel dürfen die Kinder, nachdem sie drei Monate im Land sind – kostenlos eine staatliche Schule besuchen. Die Gruppen bei ASSAF finden daher nachmittags statt, also dann, wenn die meisten einheimischen Kinder in ihren Elternhäusern oder auf der Straße mit Freunden spielen. Beides ist für die Migrantenkinder keine Selbstverständlichkeit. Viele wohnen in sehr kleinen, heruntergekommenen Unterkünften, und auf der Straße fühlen sie sich nicht sicher oder zumindest unwohl, was auch mit der Ablehung zu tun hat, die sie als afrikanische Flüchtlinge in ihrem Alltag erfahren. Dabei sprechen viele der Kinder inzwischen sogar besser Hebräisch als ihre Muttersprache „Tigrinya“, die Landessprache Eritreas.

Im Jugendclub können die Kinder und Jugendlichen ihre Sorgen für ein paar Stunden vergessen und beim Spielen, Malen oder Hip-Hop-Tanzen ihrer Kreativität und ihrem Bewegungsdrank freien Lauf lassen. Nach Bedarf bieten die Betreuer auch Computerkurse oder Hausaufgabenhilfe an. Gerade bei den kleinen Kindern geht es aber auch darum, auf spielerische Weise zu lernen, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken. Zum Beispiel beim „blinden Backen“, bei dem Zweier-Teams Cookies backen, wobei ein Kind die Augen verbunden bekommt und vom jeweilgen Partner angeleitet wird.

Die älteren Jugendlichen treibt vor allem die Perpektivlosigkeit um. Denn die Zukunft nach der Schule ist für die Jugendlichen in höchstem Maße ungewiss. Das Visum „2A5“, das die meisten von ihnen besitzen, sichert ihnen lediglich zu, nicht ausgewiesen zu werden. Ein Studium können sie sich nicht leisten, und einen Job – so sie denn überhaupt einen finden – bekommen sie meist nur als Putzhilfskraft oder Lagerarbeiter. Ein Umstand, den ein frustriertes junges Mädchen gegenüber Schendar einmal etwas zynisch so kommentierte: „Wahrscheinlich gehe ich nach der Schule in die Putz-Universität“. Auf jungen Männern lastet zudem die ständige Angst, nach Holot abgeschoben zu werden, dem „offenen Gefängnis“ in der Negev-Wüste.

Kulturell zerrissen und traumatisiert

Was neben der Zukunftsunsicherheit die größten Herausforderungen für die Jugendlichen seien, wollen wir von Schendar wissen. Die Betreuerin erklärt, dass viele der Mädchen und Jungen große Schwierigkeiten haben, das, was sie in ihrem „israelischen Alltag“ erleben, mit dem, was ihre Eltern aufgrund der anderen kulturellen Prägung von ihnen erwarten, in Einklang zu bringen. So schildert Schendar zum Beispiel den Fall eines sehr selbstbewussten 17-jährigen Mädchens, das ihr kürzlich anvertraute, dass ihre Eltern sie zu einem traditionellen Priester schicken, weil sie glauben, sie sei von einem bösen Geist besessen. Sie berichtete wohl auch von Schlägen, die sie während den Sitzungen durch den Priester zugefügt bekomme.

Andere Jugendliche sind von den Erlebnissen in ihren Herkunftsländern und von der Flucht noch immer schwer traumatisiert. Beispielsweise wurden zwei Schwestern aus der Mädchengruppe, die von Michal Schendar betreut wird, Zeuge, wie ihre Mutter im Sinai vergewaltigt wurde. Die Mutter besucht die Gruppentherapie von ASSAF, während die Kinder die Zeit im Jugendclub verbringen. Solche Erlebnisse erfordern besondere Sensibilität von den Betreuern. Andererseits, so Schendar, sei es für Jugendlichen auch wichtig zu wissen, dass der Jugendclub ein Ort ist, an dem sie eben nicht über Probleme reden müssten, sondern auch einfach mal ein ganz normales Kind sein dürften, das Spaß am Leben hat.

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