Portrait: Yaser Abdallh

 

Die meisten Geschichten, die man über den Menschenhandel im Sinai hört, stammen von Eritreern. In der Tat kommt ein Großteil der Betroffenen aus Eritrea. Doch trifft man unter den Sinai-Überleben in Israel auch viele Sudanesen. Einer von ihnen, der bereit ist, uns seine Geschichte zu erzählen, ist Yaser Abdallh. Wir treffen ihn am Abend des 11. April 2016 im Levinsky-Park in Süd-Tel Aviv.

Der Kontakt zu Yaser kam über einen anderen jungen Sudanesen zustande, den wir wenige Tage zuvor auf der Fahrt zu Holot kennenlernen durften. Auch er erscheint zu unserem Treffen mit Yaser, bleibt aber nur, bis wir uns einander bekannt gemacht haben und er – so macht es zumindest den Eindruck – das Vertrauen hat, Yaser mit uns alleine zu lassen zu können.

Für das Interview scheint uns der Park nicht geeignet. Man kann sich kaum unbeobachtet unterhalten, außerdem ist bereits die Abenddämmerung hereingebrochen, was Yaser etwas unsicher zu machen scheint. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Der 31 Jahre junge Mann ist auf einem Auge fast blind. Er schlägt uns vor, dass wir das Interview in einem kleinen Zentrum der sudanesischen Gemeinde in Tel Aviv führen.

Erlebnisse bestimmen Yasers Alltag

Auf dem Weg in das nahe gelegene Gemeindezentrum erzählt uns Yaser, dass ihn die Vergangenheit bis heute – fünf Jahre nach den Geschehnissen im Sinai – immer wieder einholt. Es gab Zeiten, so Yaser, da habe er tagelang kein Auge zugemacht und hätte ohne eine Flasche Wein überhaupt keinen Schlaf gefunden. Wir erahnen bereits, was Yaser im Siani durchgemacht haben muss – und nicht nur dort.

Yaser stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Darfur im Westen des Sudan. Als er noch ein Kind ist, wird sein Dorf überfallen, die Familie flüchtet in die Stadt Nyala, wo Yaser zunächst zur Schule geht und als junger Erwachsener einen kleinen Telefonladen eröffnet. Während des 2003 beginnenden Darfur-Konflikts wird Yaser verdächtigt, einer Rebellenbewegung anzugehören bzw. diese mit seinem Laden zu unterstützen. Mehrfach landet Yaser im Gefängnis, wo er auf brutale Weise gefoltert wird. Nur mit Glück entgeht er dabei dem Tod und flüchtet nach seiner Entlassung – erwirkt durch eine Menschenrechtsorganisation – über Karthoum nach Kasala und schließlich nach Port Sudan. Als er sich auch dort nicht mehr vor den Behörden sicher fühlt, lässt er sich mithilfe von Kontakten über die Grenze nach Ägypten bringen.

Über Kairo ins Foltercamp im Sinai

Auch in Kairo findet Yaser keine Ruhe. Aufgrund der Kooperation zwischen Ägypten und dem Sudan befürchtet er, wieder abgeschoben zu werden. Also vertraut er sich einem Schmuggler an, der ihm verspricht, ihn für 3.000 USD nach Israel zu bringen. Doch stattdessen wird Yaser von den Beduinen im Sinai verschleppt und dort als Geisel gehalten. Man habe ihn in ein Zelt gebracht, zusammengepfercht mit 100 oder 200 weiteren Gefangenen. Später habe man sie dann verteilt und in 10er-Gruppen aneinander gekettet, erzählt Yaser. Man sagte ihnen, dass sie nicht freigelassen würden, ehe ihre Familien 8.000 USD zahlten. Von da an beginnt über Monate hinweg die unvorstellbar grausame Folter.

Täglich werden die Geiseln nach draußen in die pralle Wüstensonne gezerrt und dort geschlagen. Sie müssen Stromschläge und Verbrennungen durch flüssiges Plastik oder heiße Kieselsteine über sich ergehen lassen. Wasser und Essen bekommen die Geiseln gerade so viel, dass es zum Überleben reicht. Yaser muss mit ansehen, wie Frauen vor seinen Augen vergewaltigt und Menschen zu Tode gefoltert werden, ohne dass er etwas dagegen unternehmen kann. Schließlich gelingt es seiner Familie, das Geld zu organisieren und über Mittelsmänner im Sudan über Israel nach Ägypten zu schicken. Doch als Yaser mit gebrochenem Arm und schweren Folterspuren nahe der israelischen Grenze ausgesetzt wird, ist er so schwach, dass er nur noch zur Grenze robben kann.

Der Albtraum geht weiter

An der Grenze wird Yaser von israelischen Soldaten aufgegriffen und zunächst ins Gefängnis Saharonim gebracht. Dort gibt man ihm lediglich eine Creme für seine Wunden und entlässt ihn nach einem Tag wieder. Irgendwie schafft er es nach Tel Aviv, wo er die ersten Tage im Levnisky-Park verbringt und zunächst völlig auf sich alleine gestellt ist. Schließlich kommt Yaser in Kontakt zu einer Menschenrechtsorganisation, die ihn zumindest ein paar Monate lang unterstützt. In einem Krankenhaus bekommt er unter anderem Medizin für seine Augen, die von der Sonne in der Wüste völlig verblendet sind.

Seit 2013 erhält Yaser laut eigenen Angaben offiziell keine Hilfe mehr, obwohl er ein Papier besitzt, welches bescheinigt, dass er gefoltert wurde. Seine Krankenversicherung, die er anfangs erhielt, ist längst abgelaufen. Da er sich weder die Augentropfen noch eine weitere Untersuchung leisten kann, sieht er mit dem linken Auge fast nichts mehr. Sein Visum muss er monatlich verlängern.

Irgendwie weiterleben

Trotz aller Widrigkeiten schlägt sich Yaser irgendwie durch, versucht zunächst, sich einen Hebräisch-Kurs zu finanzieren, um die Landessprache in Israel zu lernen. Als gelernter Schauspieler und Sänger hält er sich unter anderem mit kleinen Rollen für israelische TV-Produktionen über Wasser, ehe ihm der Staat auch diese Möglichkeit nimmt. Aktuell hat Yaser keinen festen Job, verdient lediglich ein bisschen Geld bei Auftritten mit der Theatergruppe „African Israeli Stage“, der er sich vor einiger Zeit angeschlossen hat. Dass er auch eine beachtliche Stimme hat, stellt uns Yaser bei unserem Treffen live unter Beweis. Nach dem Interview schickt er uns ein Mp3, auf dem seine Musik zu hören ist, damit wir sie hier veröffentlichen können:

Noch immer hofft Yaser darauf, sein Leben als Künstler weiter zu leben und seine Augen behandeln lassen zu können, bevor er gänzlich erblindet.

Yasers ausführliche Geschichte können Sie auch in dem Buch „Nightmare of the exile“ nachlesen.

Autor: Ingo Steidl

Nachtrag:

Anfang September hat Yaser durch die Unterstützung der Human Rights Clinic, welche die Krankenversicherung für ihn übernahm, endlich die lang ersehnte Augen-Operation erhalten und kann nun glücklicherweise wieder sehen.

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