Portrait: Shiden

 

Sportliches Outfit, Sonnenbrille, ein mildes Lächeln im Gesicht. Shiden wirkt wie ein Sportler, der auf sein Presseinterview wartet. Nicht wie jemand, der gefoltert wurde. Umso bizarrer wirkt es, wenn er uns seine Fluchtgeschichte erzählt, während wir in einem blühenden Park in Tel Aviv sitzen und um uns herum die Vögel zwitschern.

April 2016. Shiden

Shiden Kopie

Seine Geschichte beginnt in Eritrea. Ende 2010 verließ der heute Achtunddreißigjährige seine Heimat, weil er dort wegen seines christlichen Glaubens verfolgt wurde. Gemeinsam mit seiner Frau floh er in den Sudan, bezahlte dort Schmuggler, die sie nach Israel bringen sollten. Stattdessen landeten die beiden in der Hölle. Die Schmuggler brachten sie in die Wüste Sinai, verkauften sie an Beduinen, die dort Menschen foltern. Shiden und seine Frau wurden in einen Keller gesperrt, wurden Tag und Nacht misshandelt, damit ihre Angehörigen Lösegeld für ihre Freilassung zahlen.

 

Sie haben uns geschlagen, mit Stöcken und vielem anderen“, berichtet Shiden. „Uns an den Füßen aufgehängt. Selbst die Frauen. Unsere Haut verbrannt.“ Fast ungläubig schüttelt er den Kopf. Zu grauenvoll, zu weit entfernt von allem menschlich Vorstellbaren scheint die Geschichte, um unter wolkenlosem blauen Himmel davon zu erzählen. Sehr schwierig sei es, heute über diese Dinge zu sprechen. Es gibt keine Worte, die beschreiben können, wie es war in der Hölle zu sein.
Viereinhalb Monate wurden Shiden und seine Frau gequält. Immer gefesselt, mit verbundenen Augen. Umgeben von den Schreien der Mitgefangenen. „Wenn niemand für dich zahlt, dann drohen die Schmuggler, dass sie deine Organe verkaufen“, meint Shiden. „Und das passiert wirklich.“

Seine Familie bezahlte die über zwanzigtausend Dollar, nahm hohe Schulden auf, um ihn aus dem Alptraum zu befreien. Mit schweren Verletzungen wurden Shiden und seine Frau mitten in der Wüste ausgesetzt. Um sich mit letzter Kraft an die israelische Grenze zu quälen. Aber hier endet die Geschichte nicht. An der Grenze wurden die Überlebenden von ägyptischen Soldaten beschossen – im Auftrag, die Grenze zu schützen. Shiden zeigt uns eine Narbe am Arm – sieben Schusswunden hat er am Körper.
Wie lässt es sich weiterleben, wenn man die tiefsten menschlichen Abgründe erleiden musste? Wie lässt es sich weiterleben, nach so viel Schmerz und Grausamkeit? Dass wir hier mit Shiden sitzen, erscheint unwirklich. Ein bizarrer Traum. Seine Geschichte und die Möglichkeit des trotzdem Weiterlebens sind unbegreiflich. Und ein Park mit zwitschernden Vögeln kein Ort, um über die Hölle zu sprechen. Aber es fragt niemand mehr nach seiner Geschichte. Und wenn wir sie jetzt nicht festhalten, wann dann?

Shiden

Heute leben der Eritreer und seine Frau mit zwei kleinen Töchtern in Tel Aviv. Die beiden springen lärmend durch den Computerladen, in dem Shiden arbeitet, an einem Bildschirm sitzt seine Frau. „Unser Leben hier ist sehr schwierig“, sagt er. Berichtet von Alpträumen, die ihn nachts verfolgen. Von Bildern aus dem Sinai, die nicht verschwinden wollen. Die Wunden am Körper heilen langsam, aber die Wunden in der Seele bleiben. Erst recht, wenn sein Leben auch jetzt noch von Perspektivlosigkeit bestimmt ist. Ohne Papiere, ohne Status und Rechte als Flüchtlinge in einem Land, in dem er nicht erwünscht ist.

Und trotzdem wirkt Shiden nicht von Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit geprägt, sondern von einer unheimlichen Stärke: „Die Menschen, die mir das angetan haben, die Schmuggler – das sind keine Menschen. Aber das einzige, was ich tun kann, ist ihnen zu vergeben.“

Kann man Menschen vergeben, die andere zu Tode foltern? Vielleicht ist es die Kraft der Vergebung, die Shiden so viel Stärke gibt. Ihn nicht nur zum Opfer macht, sondern zu einem Überlebenden. Er ist ein Überlebender, der den Mut nicht verliert. Sich mit uns trifft, um seine Geschichte zu erzählen, weil er die Hoffnung behält, dass sich damit etwas ändern wird.

„Es ist wichtig, über die Verbrechen auf dem Sinai zu sprechen“, sagt er. „Damit die Welt erfährt, was dort passiert ist. Es ist alles, was uns bleibt.“ An verschiedenen Projekten hat er selbst mitgewirkt, um Aufklärungsarbeit über den Sinai Folterhandel machen. Beteiligte sich an einem Dokumentarfilm – „The Tears of Eritreans“ – der in Zusammenarbeit mit Studierenden der Tel Aviv‘er Universität entstand.

Es ist ein Kampf gegen die Gleichgültigkeit der Welt, den Shiden unermüdlich führt. Gerade hofft er, mit seiner Familie nach Kanada übersiedeln zu können, um dort vielleicht irgendwann ein Leben in Würde zu führen. Wir hoffen, Shiden in seinem Kampf unterstützen zu können und dass möglichst viele Menschen seine Geschichte lesen.

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