Weltflüchtlingstag 2014: Ein Besuch im „offenem Gefängnis“ Holot

 

  „Alles hinter sich zu lassen, was einem lieb und teuer war, bedeutet, sich in einer unsicheren Zukunft wiederzufinden, in einer fremden Umgebung. Stellen sie sich vor, welchen Mut es erfordert, mit der Aussicht fertig zu werden, Monate, Jahre womöglich ein ganzes Leben im Exil verbringen zu müssen.“
António Guterres Flüchtlingskommissar

Den 20. Juni verbrachte Desert Rose e.V. sowie einige befreundete israelische NGOs in diesem Jahr im Internierungslager „Holot“. Anlässlich des Weltflüchtlingstags wollte man sich mit den im Holot inhaftierten Menschen solidarisch zeigen. Holot, etwa 80 Kilometer südöstlich von Be’er Sheva gelegen, ist ein trostloser Ort. Wüste, Sand und Stacheldraht prägen das Landschaftsbild. Mitten in der Negev-Wüste erstrecken sich lange Reihen flacher Baracken. Die zweifach eingezäumte und mit Stacheldraht gesicherte Anlage ist seit Dezember 2013 in Betrieb. Ursprünglich sollte die Anlage eine Erweiterung des Saharonim-Gefängnisses werden, welches sich gleich nebenan befindet. Doch es kam anders. Denn das „Anti-Infiltrationsgesetz“, welches vorsah, dass »Eindringlinge« – so werden Flüchtlinge, die unerlaubt die israelische Grenze überqueren, bezeichnet – bis zu drei Jahre lang im Gefängnis in der Wüste inhaftiert werden können, wurde im September 2013 vom Obersten Gericht in Israel für ungültig erklärt.

Das Urteil missfiel der israelischen Regierung und so wurde am 10. Dezember 2013 in der Knesset, dem Israelischen Parlament, im Eilverfahren ein neues Gesetz verabschiedet. Dieses Gesetz verkürzt zwar die Haft auf ein Jahr, sieht danach jedoch den Aufenthalt im „offenen Lager“ Holot vor. Dort müssen die Flüchtlinge die Nächte verbringen und tagsüber haben sie dreimal zum Zählappell zu erscheinen. Das geänderte Gesetz erlaubt es darüber hinaus, Flüchtlinge im ganzen Land aufzugreifen und zwangsweise im Holot unterzubringen. Der Gesetzesänderung folgten im Januar 2014 die ersten willkürlichen Verhaftungen auf den Straßen von Tel Aviv. Das Innenministerium weigerte sich von einem Tag auf den anderen Visen zu verlängern und stellte den Menschen stattdessen Einberufungsschreiben zum Aufenthalt im Holot aus.

Aber zurück zu unserem Besuch im Juni. Es ist 10 Uhr morgens, in Tel Aviv deutet sich ein wunderschöner Sommertag an. Unser Treffpunkt ist die Bushaltestelle am Levinskiy Park. Drei Busse warten hier bereits. Auch in Jerusalem und in anderen Teilen Israels werden an diesem Tag Busse die Fahrt Richtung Holot aufnehmen. Die Aktivistin Sigal Rozen organisiert diese Fahrten jeden Samstag. Sigal gehört keiner NGO an. Fragt man sie, warum sie das alles mache, antwortet sie mit einem „Warum nicht?“, lächelt und fährt fort: „Es ist unrecht, was hier geschieht und ich bin empört. Wenn schon meine Regierung diese Menschen wie Abschaum behandelt, ist doch das Mindeste, was ich tun kann, für sie da zu sein!“ Sie ist eine großartige Persönlichkeit.

Wer nicht einen der Busse nimmt, organisiert sich an diesem Tag mit Gleichgesinnten in Fahrgemeinschaften, um den Weltflüchtlingstag zusammen mit den Holot-Insassen zu begehen. Viele der in Israel lebenden Schwarzafrikaner befürchten, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie selbst im Holot landen. Unser Bus ist mit Lebensmitteln und Wasser beladen. Auch Musiker befinden sich unter den Fahrgästen. Sie singen sudanesische, eritreische und auch israelische Lieder. Ihr Gesang macht die Fahrt erträglicher. Hinter mir sitzt ein 17-jähriger Sudanese. Seine Hände wirken wie die eines 60-Jährigen, der sein Leben lang auf dem Feld gearbeitet hat. Er spricht kein Englisch, nur etwas Hebräisch und Arabisch. Mein sudanesischer Dolmetscher hilft mir, mit dem jungen Mann ins Gespräch zu kommen. Kenaan, so heißt der Mann, entschuldigt sich, dass er so nach Schweiß und Staub muffle. Er erzählt uns, er musste die ganze Nacht in einer Baustelle arbeiten und hatte schlicht keine Zeit mehr, sich im Meer zu waschen. Doch er wollte unbedingt einen der Busse erreichen. Warum er dorthin fahre, fragen wir ihn. Sein Cousin sei im Holot inhaftiert, erklärt uns Kenaan. Ich merke zunehmend, dass ihm der Schmutz im Gesicht peinlich ist. Ich muss grinsen, worauf Kenaan anfängt laut zu lachen, und schließlich lassen sich auch die anderen um uns herum anstecken. Jemand reicht Wasser und Cola im Bus herum. Dann endlich machen wir eine kurze Rast. Die einen nutzen die Gelegenheit für einen Toilettengang, die anderen für eine kurze Kaffeepause. Es sind die einfachen Dinge im Leben, die die Menschen auch in der schwersten Stunde, doch manchmal sein kann. Nach 30 Minuten Pause geht die Fahrt weiter. Je mehr wir uns dem Holot nähern, desto angespannter wird die Stimmung im Bus. Osman, ein sudanesischer Aktivist, greift zum Mikrofon und versichert uns, dass unser Besuch für die Insassen unheimlich wichtig sei. So bekämen auf diese Weise zu spüren, dass sie nicht alleine sind und man sie nicht vergessen hat. Osman bittet uns, nicht nur mit den eigenen Familienmitgliedern und Freunden, sondern mit jedem zu sprechen. Dann erinnert uns Sigal nochmal daran, das Militär und die Polizei nicht zu provozieren, uns aber auch von denen nicht provozieren zu lassen. Schließlich erreichen wir irgendwann Holot. Es ist, wie man es immer beschrieben bekommt: Trostlos!

Autor: Rahel Woldemichael

Nachtrag: Am 22. September 2014 ordnete Israels Oberster Gerichtshof in Tel Aviv die Schließung des umstrittenen „offenen Gefängnisses“ Holot innerhalb von 90 Tagen an, weil die lange Haft die Rechte der Migranten verletze. In der Begründung des Urteils heißt es unter anderem: „Einwanderer verlieren nicht ihr Recht auf vollkommene Würde, indem sie mit allen Mitteln in das Land kommen“. Nach zahlreichen Petitionen und Demonstration gegen den unwürdigen Umgang mit afrikanischen Migranten im Holot, sind Kritiker und Insassen erleichtert über dieses Urteil. Gleichzeit befürchten viele bereits, dass das israelische Innenministerium einen neuen Mechanismus kreieren wird, um die Migranten inhaftieren zu können. Es bleibt also abzuwarten, wie viel das neuerliche Urteil tatsächlich wert ist.

 

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