Afrika-Festival Afrodonia 2014

 

Bei der diesjährigen Afrodonia Podiumsdiskussion zum Thema „Europäische Flüchtlingspolitik, Bollwerk gegen die Menschlichkeit?“ hatte Desert Rose e.V., vertreten durch Rahel Woldemichael, die Möglichkeit den Verein und dessen Initiative „SOS Sinai“ vorzustellen. Obwohl das Thema der Diskussion die Flüchtlingspolitik der EU betraf, sah es der Veranstalter als wichtig und passend an, den Menschenhandel im Sinai im Rahmen dieser Runde ebenfalls zu thematisieren.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Pfarrer Hans Mörtter von der Lutherkirche Köln. Für alle, die nicht dabei sein konnten, fasst Rahel Woldemichael, Vorstand des Vereins Desert Rose e.V., ihre Eindrücke von der Veranstaltung noch einmal zusammen.

Sinai – Traumstrände, Wüste, Foltercamps

„Zunächst möchte ich mich im Namen von Desert Rose e.V. ganz herzlich beim Veranstalter und bei den Besuchern bedanken, welche die Podiumsdiskussion mit großem Interesse verfolgt und viele Fragen gestellt haben: Wie viel ist das Leben eines einzelnen Menschen Wert? Von wo werden die Menschen entführt und in den Sinai gebracht? Etc.

Wenn ich „Sinai“ höre, dann denke ich an Traumstrände, Sightseeings in den Bergen, ganz viel Wüste, Foltercamps und noch mehr Wüste. So beschreibe ich zu Beginn meines Beitrags die ägyptische Halbinsel. Dann nehme ich die Zuhörer mit auf eine Reise über den Sudan bis nach Ägypten, und zwar mit einem Lastwagen. Ich versuche ihnen zu beschreiben, wie es sich anfühlen muss, in einem solchen eingepfercht zu sein, in der glühenden Hitze der Wüstensonne, um einen herum der Geruch von Schweiß, auch Angstschweiß. Ich erzählte ihnen von den Übergriffen, Vergewaltigungen und Schlägen, die die Entführten über sich ergehen lassen müssen, wenn sie in einem der Foltercamps im Sinai landen. Das jüngste Folteropfer, das ich persönlich kennengelernt habe, war zum Zeitpunkt der Folter neun Monate alt. Das Mädchen und ihre Mutter sind durch die Hölle gegangen. Ihre sowie die Geschichte dreier entführten Männer aus dem Sudan erzähle ich ihnen.

Was passiert mit den Entführten, sobald das Lösegeld bezahlt wird, will Pfarrer Mörtter von mir wissen?

Nun ja, viele werden nach der Lösegeldzahlung an der israelisch-ägyptischen Grenze freigelassen. Wie viele die Grenze nie erreicht haben, weil die Kraft schlicht nicht mehr reichte, kann niemand so genau sagen. Die Sinaiwüste hat sie für immer unter sich begraben. Viele werden vom israelischen Militär aufgegriffen und in so genannte „Open Detention Center“ gesteckt. Das sind gefängnisähnliche Anlagen mitten in der Wüste, in der die Flüchtlinge auf unbestimmte Zeit ausharren müssen, ohne zu wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Die meisten von ihnen haben seit ihrer Inhaftierung weder einen Anwalt noch einen Arzt gesehen. Diejenigen, die es geschafft haben, zu Fuß in eine israelische Stadt zu kommen, sind erst einmal auf sich alleine gestellt. In Tel Aviv zum Beispiel ist die erste Anlaufstelle für viele der Levinsky Park. Er ist der Dreh und Angelpunkt für alle in Israel gestrandeten Flüchtlinge. Je nach dem, welchem afrikanischem Land man angehört, bekommt man früher oder später die notwendigen Infos, zu welcher NGO man gehen sollte, dass Sister Azezet einem mit den Wunden der Foltercamps helfen kann, dass ASSAF einem bei der Registrierung hilft und wenn möglich auch Essen anbietet, dass PHR-I (Physicians for Human Rights – Israel) einem die notwendigen Medikamente zur Verfügung stellt, etc. Gerade diejenigen, deren Körper auf grausamste Weise verstümmelt worden sind, haben oft die Hoffnung, in Israel Heilung zu finden. Doch diese Hoffnung bleibt in den allermeisten Fällen unerfüllt, denn die israelische Gesellschaft hat offensichtlich keinen Platz für Leute wie sie, Schwarzafrikaner/innen, noch dazu einer anderen Religion zugehörend. Oft ist ihr halber Körper durch geschmolzenes Plastik oder andere Folterinstrumente entstellt oder sie wurden an der Grenze angeschossen und von ihren Mitentführten bis nach Tel Aviv getragen, weil diese sie nicht in der Wüste zurücklassen wollten. In beiden Fällen behandelt das israelische Gesundheitssystem nur akute, nicht aufschiebbare Verletzungen kostenfrei. Heißt im Klartext, im Fall des durch die Folter entstellten Körpers sieht der Staat keinen Handlungsbedarf. Das an der Grenze angeschossene Folteropfer würde im Krankenhaus aufgenommen und operiert werden. Doch sobald der Patient wieder wach ist und sich wieder einigermaßen bewegen kann, wird er samt Infusionsnadel in ein Taxi gesetzt, welches ihn zu einem der genannten NGOs bringt. Der Grund hierfür ist, dass aus Sicht des Krankenhauses kein Notfall mehr vorliegt. Es ist eine absurde Situation, wenn man sich vorstellt, in welchem Zustand man den Patienten hier entlässt. Für jede weitere Behandlung muss der Patient nun zahlen, sei es um sich die Fäden ziehen zu lassen oder für die Nachkontrolle. Die NGOs fühlen sich vom israelischen Staat alleine gelassen. Sie erhalten kaum finanzielle Mittel, noch überlebenswichtige Unterstützung bei der Behandlung der Verletzten. Alles, was die NGOs machen können, ist sich zusammenzuschließen und an einer gemeinsamen Liste zu arbeiten, welcher Arzt in welchem Fall zu kontaktieren ist, welche Ärzte bereit sind, diese Patienten kostenlos nachzubehandeln oder sogar noch einmal zu operieren. Es gibt so viele Fälle von Folteropfern, aber kaum einer interessiert sich für sie. 7.000 Folteropfer sollen sich Schätzungen zufolge in Israel aufhalten. Liest man die ärztlichen Notfallberichte, so wird das Wort „Folter“ fast nie erwähnt, sondern lediglich anhand der Verletzungen umschrieben. Das geschieht aus dem Grund, dass wenn über Folter gesprochen wird, der israelische Staat diese Menschen als Folteropfer anerkennen und für sie Sorge tragen müsste, sei es medizinischer oder psychosozialer Art. Doch das möchte die Politik nicht.

Was für einen Status haben die Flüchtlinge, wenn sie in Israel erfasst sind, fragt Pfarrer Mörtter?

Der Begriff „Asylum seekers“ (Asylsuchende) wird oftmals genannt, wobei Israel kein richtiges Asylverfahren, wie wir es hier in Deutschland haben, kennt. Die Menschen erhalten eine Identifikationskarte mit Visum, mal für einen Monat, mal für sechs Monate, ausgestellt vom „Immigration Office“ (Einwanderungsbehörde). Es scheint reine Willkür zu sein, für welchen Zeitraum man ein Visum erhält oder ob man überhaupt eines bekommt. Ich berichte von Anrufen, die ich Anfang des Jahres aus Tel Aviv erhalten habe. Es waren hauptsächlich Männer, die mir entsetzt erzählten, dass auf offener Straße Jagd auf sie gemacht wurde. Sie wurden angehalten und abgeführt, ohne dass die Polizei sich ihre Papiere angeschaut hat. Viele von ihnen sitzen momentan entweder in der Gefängnisanlage Saharonim oder Holot in der Negev-Wüste. Es war die Zeit, als im Levinsky Park wieder Flyer zur Suche nach Freunden, Ehemännern oder Brüdern verteilt wurden. Erst mit der Zeit fand die jeweilige Community heraus, wohin die Männer gebracht wurden. Auf die Frage, ob sie auch von anderen Verhaftungen hören, bekam ich folgende Antwort: „Nein, sie suchen uns Schwarze. Sie jagen uns aufgrund unserer Hautfarbe“. Die Verfolgung geht soweit, dass kürzlich eine schwedische Frau dunkler Hautfarbe grundlos verhaftet wurde und die Polizei sich weigerte, ihr einen Anwalt zu stellen. Erst durch die Flüchtlingsgemeinde haben Menschenrechtsanwälte vom dem Fall gehört und sich das Recht erkämpft, die Frau zu verteidigen. Als es zum Gerichtsprozess kam, begründete die Staatsanwaltschaft die Verhaftung der Frau damit, es hätte der Verdacht bestanden, sie wolle illegal in Israel leben und sich dort eine Existenz aufbauen. Der Richter war empört und rügte die Staatsanwaltschaft für ihr Verhalten. Nach diesem Prozess waren viele der Flüchtlinge in Israel und auch NGO-Mitarbeiter besorgt, dass ich nach Israel komme, denn ihr Rechtsstaat hat ihnen gezeigt, wie gefährlich weit die Gesetzesauslegung getrieben wird.

Pfarrer Mörtter möchte wissen, ob ich denn keine Angst gehabt hätte, trotzdem nach Israel zu reisen?

Natürlich, bestätige ich ihm, Bedenken hatte ich schon. Doch es gibt dort so viele Menschen, die darauf vertrauen, dass ich komme. Wie kann ich von ihnen Mut verlangen, wenn ich ihn selbst nicht aufbringen würde. Daher gibt es für mich keine andere Option als immer wieder nach Israel zu gehen.

Wie kann man die Arbeit von Desert Rose e.V. unterstützen, fragt mich der Moderator am Ende meines Beitrags?

Wenn man keine Ramboausbildung hat, sage ich etwas scherzhaft, ist es sehr schwer im Sinai direkt zu helfen. Worüber wir (israelische NGOs und Desert Rose e.V.) uns aber immer freuen ist, wenn Ärzte sich bereit erklären, Folteropfer in ihr Krankenhaus aufzunehmen und sie zu behandeln. Oder wenn sich Therapeuten des Fachgebiets PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung) bereit erklären, für eine gewisse Zeit vor Ort Hilfe zu leisten. Und natürlich freuen wir uns über jeden Cent, der gespendet wird, denn momentan zahlt Desert Rose e.V. den Großteil seiner Aktivitäten aus eigener Tasche. Wir sind auch immer froh darüber, wenn in den deutschen und europäischen Medien über den Menschenhandel im Sinai berichtet wird. Zwar stammen die Folteropfer überwiegend aus Ostafrika, doch die Erpressungsopfer leben größtenteils in der westlichen Welt. Momentan liegt die höchste bekannte Summe, die als Lösegeld für eine einzelne Person im Sinai bezahlt wurde, bei 80.000 USD. In diesem Fall stammte das Geld aus den USA. Dennoch, die Medien berichten meistens ausschließlich über die Opfer der Folter, denn oftmals wissen sie nichts über die Opfer der Erpressung, die sich zum Teil in ihrem näheren Umfeld befinden. Einer unserer Bemühungen ist es daher, die Zahl der Erpressungsopfer zu erfassen, um so einen gewissen Druck auf die EU ausüben zu können. Druck dahingehend, dass die Regierungen in Israel und Ägypten aufgefordert werden, den Folteropfern zu helfen. Und zum anderen, dass an einer gemeinsamen Lösung für das Problem im Sinai gearbeitet wird. Es wäre falsch zu denken, der Menschenhandel im Sinai hätte nichts mit Europa zu tun.

Abschließend versuche ich dem Publikum zu erklären, wie wir unsere Rolle als Desert Rose e.V. verstehen. Vor Ort (in Israel) sind wir eine Mischung aus Sozialarbeiter, Therapeut und Verhandlungsvermittler. Zusammen mit anderen NGOs leisten wir Aufklärungsarbeit und betreiben Fundraising für konkrete Projekte (zum Beispiel das Jugendprojekt von ASSAF oder das Frauenhaus Kuchinate). Zudem versuchen wir, Partner für die NGOs und für Desert Rose e.V. zu gewinnen. Es ist eine vielschichtige Arbeit, die einem sehr viel Feingefühl, Aufmerksamkeit und auch Wissen abverlangt. Was nicht zu unterschätzen ist, füge ich hinzu, man muss seine Kraft gut aufteilen, denn was man sieht und hört, geht definitiv an die eigene Substanz.“

Autor: Rahel Woldemichael

 

 

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